Eine etwas andere Weihnachtsgeschichte

In der alten baufälligen Scheune war es bitterkalt. Johann Finkeisen fror jämmerlich unter seiner Pferdedecke. Sie war zwar recht dick, aber so steif, dass sie seinen Körper nicht richtig vor dem durch die Ritzen pfeifenden Wind schützte. Die Strohschütte in der er und seine Kameraden schliefen, war jetzt im Dezember schon recht dünn. Das Futter für die Pferde der im nächsten Hof im Winterquartier liegenden Dragoner, ging bereits zur Neige, da wurde auch den Grenadieren das wärmende Stroh weggenommen.
Es ging auf den Morgen zu, aber Johann hatte die ganze Nacht nicht richtig geschlafen. Nicht das Schnarchkonzert der anderen Grenadiere war schuld, daran hatte er sich schon lange gewöhnt. Er dachte die ganze Nacht darüber nach, wie er sein Leben in eine bessere Richtung bringen könnte. Der jetzige Zustand war erbärmlich. Das Grenadierbatallion war seit 9 Monaten unterwegs. Sie hatten die vergleichsweise gemütlichen Kasernen in der Nähe Dresdens im März 1707 verlassen. Ihr Kurfürst Friedrich August fühlte sich wieder einmal stark genug um gegen die Schweden zu ziehen, die sich immer größere Teile des Herzogtums Schleswig-Holstein, Teile von Polen und die Baltischen Staaten einverleibten.

Bewegung der Sächsischen Regimenter Es war ein mühsamer Marsch bis hier in die Nähe von Grodno gewesen. Immer wieder Scharmützel mit den Truppen des Schwedenkönigs Karl VII, immer wieder Verwundete und Tote. Aber das schlimmste stand ihnen ja wohl noch bevor. Die Offiziere munkelten schon lange von einer möglichen Entscheidungsschlacht östlich von Grodno, vielleicht nur 10 Sächsische Meilen von ihrem Winterquartier entfernt. (Die Sächsische Meile war zur Zeit August des Starken etwa 7,5 km).
Die Grenadiere hielten es einfach nicht mehr aus. Erst vorgestern wurde sein Freund Mathias May öffentlich gehängt, weil er den Offizieren zwei Hühner aus dem Gehege gestohlen hatte. Er war nicht der Erste und würde sicher auch nicht der Letzte sein. Und es sind jetzt schon so viele desertiert. Jacob Habich, der ebenfalls aus seinem Dorf stammte, hatte sich Ende November aus dem Staub gemacht, insgesamt angeblich bereits etwa 20 Grenadiere.

Stranguliert und weggejagtJohann war auch so weit. Er würde in den nächsten Tagen einfach desertieren. Der Batallionsschreiber hatte ihm vor einigen Tagen eine Karte der Gegend gezeigt. Auch wenn er nicht alles was auf der Karte gezeichnet und geschrieben stand wirklich begriff, eins brannte sich in sein Gedächtnis: die Grenze zum Herzogtum Preußen war nur etwa 4 Meilen von ihrem jetzigen Winterquartier entfernt. Und nur weitere 10-15 Meilen weiter entfernt war die Stadt Gumbinnen von der er einmal gehört hatte. Die 4 Meilen bis zur Grenze konnte man bei halbwegs gutem Wetter in einer Nacht schaffen. 3 Meilen pro Tag hatten sie auf ihrem 125 Meilen langen Marsch von Sachsen hier her zurücklegen müssen. Und das obwohl der Tross die Marschgeschwindigkeit stark bremste. Wenn er am Abend nach dem Appell unauffällig verschwinden könnte, wäre er, sollte man sein Verschwinden bemerken, schon weit auf Preußischem Gebiet. Einige Tage später könnte er dann irgendwo in der Gegend von Gumbinnen sein und sich eine Bleibe suchen.
Drei Tage später, am Heiligabend war Johann Finkeisen spurlos verschwunden. Er wurde von den Suchtrupps nicht mehr gefunden. Heute, nach 300 Jahren, leben seine Nachkommen unter den Namen Finkhäuser und Finkheiser um die halbe Welt verteilt.
Tolle Geschichte, aber von mir frei erfunden.
Aus vielerlei Gründen nehme ich an, dass Johann Finkeisen, das war sicher sein Name, aus Sachsen gekommen ist. Dort seine Spuren zu finden ist eine enorme Arbeit. Im Sächsischen Staatsarchiv gibt es einige Kilometer Akten über das Sächsische Militär die bis zurück ins 16. Jahrhundert reichen. Nach den einschlägigen Beschreibungen sind auch die Musterungsakten aller Soldaten lückenlos vorhanden, aber leider nur sortiert nach Regimentern/Batallionen. Solange man nicht die Einheit von Johann Finkeisen weiß, ist man dort im Archiv verloren.
Ich habe dort einige Tage mit der Suche zugebracht. Auch den oben gezeigte Ausschnitt aus einer Regimentschronik habe ich mir dort kopiert. Es ist einfach ein Zeugnis, wie es damals den bestimmt nicht freiwillig gezogenen Soldaten ergangen ist.